Fördern lokale Netzmedien die Demokratie?
Und wenn ja: Wie lange kann das gut gehen?

von Steffen Greschner am 29. Januar 2012

Dass lokale Netzmedien das Zeug dazu haben einiges zu verändern, haben wir an anderer Stelle schon einmal gezeigt. Ganz generell stellt sich aber die Frage, ob diese jungen Medien auch über einen längeren Zeitraum anders in ihrem Umfeld agieren können, als das tief verwurzelte verlagsgetriebene  Zeitungen bisher getan haben. Verlagsabhängige Zeitungsangebote sind meist schon seit Jahrzehnten vor Ort und dadurch tief in Politik, Wirtschaft und Bürgerstruktur verankert. Das schafft Abhängigkeiten.

Tiefe Verwurzelung endet irgendwann im Tunnelblick

Junge und unabhängige Onlinemedien erlauben sich dagegen einen neuen Blickwinkel auf bestehende Themen. Durch unbedarftes Hinterfragen, stoßen junge Netzmedien selbst neue Themen an. Ein schönes Beispiel ist in diesem Zusammenhang eine Geschichte über “wildernde Fortsbeamte” in Oberbayern, die ein Lokalblog aufgetan hatte. In den traditionellen Zeitungen gab es dazu keine Artikel. Dass das Thema die Menschen vor Ort trotzdem extrem beschäftigt, beweisen dagegen über 120 Kommentare innerhalb weniger Tage.

Das Thema ist auf den ersten Blick recht klein. Allerdings hat es weit über den Landkreis hinaus, viele Menschen beschäftigt. Kommentare kamen aus dem ganzen Bundesgebiet. Unzählige Jagd- und Forstforen haben darauf verlinkt. Umso mehr stellt sich die Frage, warum die alteingesessene Zeitung sowohl die Demonstration, wie auch die Berichterstattung über das viel diskutierte Thema, ignoriert hat.

Können Medien überhaupt über Jahrzehnte unabhängig sein?

Ist die jahrzehntelange Zusammenarbeit zwischen lokalen Größen, Bürgermeistern und Chefredakteuren nicht automatisch durchzogen von persönlichen Interessen, Gefallen und Gegengefallen? Hat man  als Journalist – rein menschlich gesehen – nach 10 Jahren überhaupt noch die Motivation und den Antrieb wirklich alles und jeden in seinem Umfeld journalistisch zu hinterfragen? Wird harte und berechtigte  Kritik durch jahrelange Freundschaften nicht ganz automatisch abgeschwächt?

Und wenn wir schon dabei sind und die Annahmen stimmen: Wäre es nicht viel logischer, wenn lokale Medien eine viel geringere Halbwertszeit haben? Sagen wir mal – rein hypothetisch – jede Redaktion bleibt nur 5 Jahre im Amt. Ähnlich, der Legislaturperioden. Danach kommen die nächsten. Unvoreingenommen, kritisch, hinterfragend. Dann wäre eine Zeitung ein wichtiges Korrektiv in der Kommunalpolitik. Neue Menschen stellen neue Fragen. Die Antworten auf die Fragen und das eigene Handeln müsste immer wieder neu überdacht werden.

Was lange währt, wird selten gut!

Gerade in lokalen Gebieten können Medien nur schwer über Jahrzehnte unabhängig sein. Zumindest ist das extrem schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Zu klein ist das Netzwerk aus Politik, Wirtschaft und Journalismus. Zu eng werden die Kontakte zu denen, die man eigentlich jeden Tag aufs neue kritisch hinterfragen muss. Zu faul wird der jeweilige Redakteur, der die meisten Antworten schon lange zu kennen glaubt und manchen Geschichten darum nicht mehr unvoreingenommen hinterher geht. Das ist noch nicht einmal Versagen. Es ist einfach nur menschlich und steckt in der Natur der Sache.

Das Internet bietet uns in der Hinsicht eine große Chance: Die Einstiegshürden in den Journalismus sind gefallen. Wer mit der lokalen Berichterstattung unzufrieden ist, kann sich selbst ans Werk machen. Ein Blog, zehn Euro Hostingkosten im Monat und fertig ist die lokale (Netz)Zeitung. Abgestimmt wird am Ende von den Lesern: Wer den besseren Job macht, hat mehr Leser. Wer die Leser und die lokale Aufmerksamkeit hat, bekommt die Chance auf ein Auskommen, das zum Leben reicht.

Medien sind Teil der Demokratie und deren Basis

Wenn man Medien und die darüber stattfindenen Meinungsäußerungen als wichtigen Teil der Demokratie versteht, muss man auch die Menschen in den Redaktionen als Teil der Demokratie verstehen. Jeder Einzelne sollte also den lokalen Medien mindestens genauso auf die Finger schauen, wie die Medien den Politikern auf die Finger schauen sollten. Die Möglichkeiten dazu sind größer und mächtiger, als sie es jemals waren: Kommentaren, Klickzahlen, Like-Buttons, Vernetzung der Leser untereinander und und und…

Konkurrenz belebt das Geschäft: Neue Themen brauchen neue Köpfe

Demokratie lebt davon, dass ständig neue Themen und Denkanstöße geprüft, bewertet und Diskutiert werden. Mit neuen Themen und Anregungen kann der Politik auf die Sprünge geholfen werden. Zumindest solange die jeweiligen Medien den Biss und den Horizont dazu haben. Falls der Redaktion irgendwann der Elan ausgeht, wird es Zeit für neue Konkurrenz. So kann die Debatte um gesellschaftliche Erneuerung dauerhaft am Leben gehalten werden. Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Das gilt nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für Politik und die Diskussionen darüber.

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Ralf Februar 10, 2012 um 09:16

…in der Tat ist meines Erachtens einer der wichtigen Fragen, ob eine Unabhängigkeit gewährleistet sein kann. Es bilden sich immer und überalls Seilschaften, die verknüpft mit Sympahtie oder auch Antipathie und weiteren, menschlichen Wirkungsmechaniken die Objektivität als auch die Neutralität sowie Unabhängigkeit trüben. Zwar halte ich einen Redaktionsaustausch für unrealistisch, aber ein bewußtes und gewolltes Ressort-Rotationsverfahren wäre angebracht. Aber zuletzt werden neue, frische und unabhängige Onlinetitel eh die etablierten (und nicht mehr neutralen => Anzeigenredakteur!?) Printmedien vom Platz fegen!

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Steffen Greschner Februar 10, 2012 um 09:36

Ein Ressort-Rotationsverfahren finde ich gut! Ich vertraue in diesem Zusammenhang auch stark auf die Mechanismen des Netzes. Die Hürden von Journalismus sind zum Glück ziemlich gefallen. Wenn ein Angebot erkennbar die Neutralität verliert, hat jeder die Chance es besser zu machen. Außerdem ist durch den Rückkanal viel mehr gewährleistet, dass Onlinemedien einer stärkeren Kontrolle unterliegen, als es Lokalzeitungen bisher taten.

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